Franco Corelli – tenore eroico

Franco Corelli

 

Franco Corelli – in Kunst gebändigte Wildheit

Franco Corelli, 10 CD-Box, für Fans von italienischen Heldentenören sowie von Liebhabern mächtiger Stimmen und stimmlicher Exaltation ist diese Sammlung ein Muss! Und nichts für Puristen und Stilisten, die nicht mal für besondere Stunden die Kombination aus Wucht, Wildheit und kunstvoller Dynamik von unvergleichlichem Tenormaterial „ertragen“ können.
In dieser Sammlung wird wundervoll gesungen, leidenschaftlich, überrumpelnd, vibrierend und mit brennender Energie, legatoreich sowie mit heldischer Attacke, und es gibt phänomenale Momente von sublimer Gesangskunst, die allen, welche Corelli bloß als „Schreihals, Brüller, urlatore“ verunglimpfen, dringendst empfohlen wird, vorurteilsfrei anzuhören:
CD 2, Nr. 2 und 4, Arie des Don Alvaro „La vita è inferno….O tu che in seno…“ und Duett mit Carlo „Solenne in quest’ora“!
Hier zeigt Corelli seine unglaubliche Fähigkeit, fortissimo-Töne (in der Höhe bis zum B) zu diminuieren in ein pianissimo, welches aber seine Tragfähigkeit behält, Momente, die einen den Atem stocken lassen! Da es sich hierbei zudem um Live-Aufnahmen handelt, kann nun jeder Zeuge werden, dass Franco Corelli seine gewaltige Stimme mit einem hohen technischen Rüstzeug zu führen vermochte.
Ähnliche magische Momente kann man auch im Aida-Finale, in Cavaradossis „E lucevan le stelle“, in Andrea Chénier und Adriana Lecouvreur erleben. Und es gibt viele schmerzgetränkte Phrasen, in denen er mit melancholischer Stimmfärbung ohne tenorale Übertreibungen emotional mitreißt.

„Immer Angst“ hatte er vor seinen Auftritten, beinahe unvorstellbar bei einer solch sieghaften Stimme; aber Sänger sind nun einmal total abhängig von ihren Nerven. Insofern ist sicher in vielen Aufnahmen von Corelli der heroische (und laute) Ton vorherrschend, der in seiner Einmaligkeit gleichwohl überwältigt, und die leisen Momente sind seltener; nur wenn er sie denn zeigt, sind die Wirkungen umso beeindruckender. Warum nur haben die Dirigenten ihn nicht öfter gezähmt bzw. herausgefordert? Oft wird ihm der Vorwurf gemacht, hohe Töne grundsätzlich nur von unten angeschliffen zu haben, was vorrangig für Studioaufnahmen stimmt. In den Live-Aufnahmen allerdings zeigt er sich von einer anderen Seite: Reinhören – aber ohne Vorurteil. Klar, er wollte seinen Stimmsitz nicht verlieren, denn dann wäre die Gefahr zu groß, einen Forte-Ton nicht sicher zu erfassen und strömen zu lassen. Corelli verfügte über eine sensationelle Mischung aus stärkster Energie und dem Strömenlassen des Tons. Dies ist der für Tenöre so immens wichtige „squillo“, von dem Giacomo Lauri-Volpi immer sprach (und über welchen er zweifellos ebenso viel verfügte). Als zeitweiliger Lehrmeister von Franco Corelli war dieses Element (Interview von Corelli) neben Legato und Phrasierung das Hauptaugenmerk der gemeinsamen Arbeit.

Franco Corelli besaß in den Jahren 1950 bis 1970 die vibrierendste, klangmächtigste, dunkel grundierte italienische Tenorstimme. Nie hat er seinen Tenor künstlich abgedunkelt (das ist der Unterschied etwa zu José Cura oder Jonas Kaufmann), denn das hätte die Stimme dicker gemacht – wieso sollte der Besitzer einer Riesenstimme das auch tun? Mit einem festen konzentrierten Stimmkern und sehr gutem Sitz der Stimme in der Maske (er sprach vom Sitz an den Zähnen) konnte er sein Ziel der offenen Kehle und Freiheit im Hals erreichen. Dadurch erzielte er eine selten anzutreffende Offenheit des Klangs, welcher in der Höhe metallisch-sieghaft strahlt und mit seinen Klängen gleich einem wilden Tier hin- und mitreißen kann! Besonders beeindruckend ist bei allem Kraftaufwand, wie relativ entspannt er beim Singen aussah (zB im Vergleich zu Del Monaco). Die Verbindung vom Atem zur Tonproduktion war ideal. Allerdings ist diese Technik des Singens auch materialverbrauchend – mit Mitte 50 war viel vom Glanz und der Fähigkeit des puren Legato-Singens vergangen (da hätte der Sitz in der Maske und ein höherer Kopfanteil wohl Wunder wirken können, aber bei einer solchen Anlage vielleicht nicht möglich oder gewollt?!). Franco Corelli – das ist immer wieder Singen gleich einem Ritt über den Bodensee oder wie ein bestens gezähmtes wildes Pferd, das seinen Reiter anerkennt und sich kunstvoll führen lässt. Dieses Instrument derart zu beherrschen ist zweifelsohne eine Sensation! Ausdruck und Emotionen vereinen sich bei ihm auf einzigartige Weise. Und wenn er auch nie ein Stilist wie Bergonzi war – für mich gehört er zu den ganz Großen der Tenöre! Trotz oder gerade wegen seiner Schwächen oder Fehler – dieser Tenor ist wahrlich ein „tenore eroico e erotico“ – diese Paarung von Aussehen, stimmlicher Kraft und animalischer Eleganz – die heutigen dramatischen Tenöre verblassen trotz bester Werbestrategie ziemlich dagegen – ich empfehle das vergleichende Hören. Als ich Canio, Radames oder Don Alvaro von aktuellen Tenorstars (oder der letzten 10 – 15 Jahre) gehört habe, und im direkten Anschluss Corelli – mein Gott, das war wie der Ausbruch des Ätna im Vergleich zu einer starken Flatulenz.

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