Fritz Wunderlich – Eine Hymne auf die Tenorlegende

 Lied von der Erde_Fritz Wunderlich

FRITZ WUNDERLICH – TENORLEGENDE

Im September 2016 jährt sich der Todestag von Fritz Wunderlich zum 50. Male.

Mit der unwiederbringlichen Aufnahme Mahlers „Lied von der Erde“ unter Otto Klemperer und mit Christa Ludwig in den Mezzoliedern entstand ein Klassiker der Wunderlich- bzw. Mahler-Diskographie. Zum Ende seines Vertrages bei der EMI 1964 wurden die Tenorlieder aufgenommen, danach wechselte Fitz Wunderlich zur DG.

In diesen drei Liedern für Tenor sind sämtliche Aspekte des phänomenal begabten Künstlers hör- sowie erfahrbar: Ein einzigartig rund-männliches Timbre, strahlend hell mit dem Unterton der Melancholie, des Schmerzes, des Drängens; einer vollkommenen Balance zwischen Atem und Ton, fähig zur Attacke sowie zu zärtlichen dolce-Phrasen; einer phantastischen Artikulation, eines perfektes Vokalausgleichs, eines makellosen Legatos; einer Lust am Singen und im Verströmen der Töne, welche gepaart mit dem ständigen Verbessern der Technik einzigartig geblieben ist bis heute.

Gewiß, der lyrische Schmelz seiner Stimme könnte bei den Mahlerschen Orchesterfluten bisweilen untergehen, doch bei einer Studioaufnahme ist dies kein Thema. Mit den ersten Tönen „Schon winkt der Wein im vollen Pokale…“ ist klar: Hier singt einer mit ganzem Körper, Geschmack, vollkommener Überzeugung und einer glänzenden Tongebung, die bei jedweder Modulation schimmert und von einer großartigen Meisterschaft zeugt. Die Stimme sitzt perfekt in der Maske, man hört die nasalen Resonanzräume, die den Glanz und die Tragfähigkeit der Stimme ausmachen. Mit der Überzeugung in seine Fähigkeiten werden die Aufschwünge zum hohen B gemeistert, die allesamt völlig selbstverständlich klingen, ohne falschen Druck oder Vokalverfärbungen. Wunderbar die flutenden Passagen, beeindruckend die melancholisch eingefärbten Wendungen „Dunkel ist das Leben…“, die sich dreimal wiederholen und zum Ende des ersten Liedes auf dem hohen A einsetzen – vergleicht man diese Stellen mit anderen Tenören, wird hörend der Unterschied bewußt: Die Kunst Fritz Wunderlichs liegt in der Meisterschaft, Kunst zu verbergen, es klingt natürlich! Und bei allem Aufwand, den jeder Sänger selbstverständlich betreiben muss, um ein hohes B im dreifachen forte zu schmettern, klingt es bei ihm dynamisch und ohne einen Anflug von Krampf.

Im seinem zweiten Lied „Von der Jugend“ kann Fritz Wunderlich entspannt die leichte Stimmführung und den lyrischen Schmelz seiner Stimme verströmen, um mit feiner Artikulation und Legato die Melodie zu liebkosen. Erneut macht die Mühelosigkeit Staunen, mit welcher er singt. Das Fundament ist eine dynamische Atemführung, die den Kehlkopf locker hält und den Klang frei strömen lässt. Mit welcher Eleganz Fritz Wunderlich seine Stimme an Phrasenenden ausklingen lassen kann, ohne je den Fokus zu verlieren, ist Zeichen seiner außergewöhnlichen Meisterschaft.

Im Trinklied „Der Trunkene im Frühling“ wird die Tenorstimme ein weiteres Mal enorm gefordert: Sowohl die dynamischen Grade von mezzopiano zu fortissimo wie auch die Intonation bei schwierigen Intervallen, Kraft in der hohen Lage um die Töne A und B, eine schwärmerische Ausgelassenheit in Tonproduktion und Gestaltung – all dies gelingt ihm mit einer Selbstverständlichkeit und derart überzeugend, dass es bis heute keinem Tenor gelungen ist, ihn in der Gesamtleistung das Wasser zu reichen oder gar zu übertreffen.

Mit seinen 34 Jahren stand Fritz Wunderlich auf einem ersten Höhepunkt seiner Sangeskunst. Hört man sich an, wie er noch ein paar Jahre zuvor als junger Tenor geklungen hat, heller, kopfiger, leichter und selten vielleicht eine Tendenz zum festen Hals, wird die permanente Arbeit an seinem Instrument umso beeindruckender: Kunst kommt von Können und bedeutet Arbeit – auch dafür steht Fritz Wunderlich.

Die Aufnahme des „Lied von der Erde“ lebt natürlich ebenfalls von der großartigen Christa Ludwig. Mit welcher Pracht und Sicherheit sie ihren samtenen Mezzo durch ihre Lieder führt, ist perfekt. Christa Ludwig selber hat einmal gesagt, verstanden hätte sie die Lieder erst durch Lenny Bernstein. Dies ist sogar hörbar in der Aufnahme von 1972 mit Bernstein und Kollo. Nun, dann hat sie hier intuitiv gesungen, auch dies ist ein Zeichen großer Künstler. Der Grad an Emotionen ist in der Klemperer-Aufnahme wesentlich geringer. Und doch ist diese Aufnahme ein Klassiker: In der Kunst, die Struktur des Stückes zu entfalten und die Musik eher aus sich selbst heraus sprechen zu lassen, ist Otto Klemperer ein Meister. Diesem Konzept folgen Fritz Wunderlich und Christa Ludwig ganz natürlich, und mit dem Klang des (New) Philharmonia Orchestra ist dies eine einmalig stimmige, prächtig in Farben blühende Aufführung, die durch die Kombination der Mitwirkenden zu einem Meilenstein geworden ist.

In der Ausgabe der französichen EMI innerhalb der Otto-Klemperer-Mahler-Box klingt die Aufnahme zudem erstaunlich frisch und modern, üppig und transparent zugleich in den großen Ausbrüchen und für mich viel besser als die alte EMI-Aufbereitung. Zudem gibt es zu einem günstigen Preis alle Mahler-Aufnahmen von Otto Klemperer, ein Schatz für sich.

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