Franz Crass – Balsambass

Franz Crass – Erinnerung zum 3. Todestag

„Großer Herr, o starker König…“ waren die ersten mit dem unverkennbar männlich-warmen Klang gesungenen Worte, welche ich von ihm hörte. Und heute möchte ich sagen: Franz Crass ist ein „Großer Herr“ unter den Sängern geworden! Wunderbar zu hören an dieser ersten Arie des Basses im Bach’schen Weihnachtsoratorium: Das Legato strömt nur so dahin, die Worte sind wunderbar eingebunden in die Linie und werden trotz klarer Artikulation nie durch gespuckte Konsonanten erschüttert. Der Klang ist edel, männlich dunkel und mit einer balsamigen Rundung versehen. Wie bei einem Cello ist der Klang ebenmäßig von den tiefen Tönen bis zu den hohen. Nie habe ich die Phrasen „liebster Heiland…großer König“ mit dem hohen E derartig sanft sowie selbstverständlich gehört. Da ist kein Stoßen, Stemmen oder Drücken zu vernehmen, sondern bravouröse Technik.

 

Vor allem diese Höhe ist ein klingender Grund, der ihn zur Heldenbaritonpartie des Holländers geführt hat. 1960 war das, mit gerade einmal 30 Jahren, sprang er für den erkrankten George London ein. In Bayreuth! Das liest sich so leicht, aber bitte: Das ist doch eigentlich unvorstellbar und wie ein Märchen! Zwar hatte er ein Jahr zuvor als Solist in Bayreuth debütiert, als opulenter, jung-kraftvoller König Heinrich im „Lohengrin“, doch der Holländer war die Sensation! (Was wohl heutzutage in der Presse stünde, denkt man an die marketingtechnischen Blödsinnsbeschreibungen mancher durchschnittlichen Gesangsleitungen hochgeputschter Stars?!)

Hier betrat ein junger, mit Dynamik, Kraft, Energie gesegneter Holländer die Bühne und eroberte sie standesgemäß im Sturm! Der Charakter der Stimme – wiewohl der des Sängers selbst – lassen eine Figur entstehen, welche mehr edle denn dämonische Ursprünge zu haben scheint. Immer bleibt der Klang rund, die Sprache bleibt gegenüber dem Legato und dem Ausdruck demütig im Hintergrund. Natürlich drückt Franz Crass etwas aus, nur eben gesungen und nicht geschrien, mehr der Linie verpflichtet denn einzelner effekthaschenden Akzente. Der Sänger unter den Bassisten. Wer das Dämonische sucht im Holländer, muß zu Hermann Uhde, Hans Hotter oder George London greifen. Dieses Element kommt bei Franz Crass eher weniger vor. Es ist mit dieser wohlklingenden Stimme aber auch nicht erreichbar – das hat nichts mit Unvermögen des Sängers zu tun! Dafür werden die Ohren mit ebenmäßiger Kantilene, Legato, absolut sicheren Tönen in allen Lagen und sehr guter Wortverständlichkeit belohnt. Diese Sicherheit, zu wissen, dass alle Töne der Partie sicher kommen werden, ist einfach wohltuend. Und für eine Stimme, die im Kern eine Bassstimme ist, sind diese Hochtöne im „Holländer“ wahrlich nicht selbstverständlich: Ich spreche hier von hohen Es‘, hohen E’s und hohen F’s! Die entsprechen ungefähr dem hohen B und H beim Mezzo bzw. dem Tenor. Also die Lage der Stimme, bei der alles stimmen muß, um diese Töne erstens zu erreichen und zweitens dann, wenn man es braucht! Und über viele Jahre.

Einen weich tönenden, dabei mit selbstbewußter Kraft und Souveränität auftretenden Sarastro habe ich selten gehört. In der Aufnahme mit Fritz Wunderlich von 1964 verströmt Franz Crass erneut seinen Wohlklang und macht mit der edlen Behandlung seiner Stimme sowie der Musik allein hierüber Sarastro zu dem Herrscher des Sonnenkreises. Obwohl gerade Mitte dreißig, ist die Stimme volltönend, rund, biegsam. Die Schwierigkeiten dieser doch „leicht“ klingenden Mozart-Musik meistert er excellent. Wieder gibt es die wundervolle Tiefe gepaart mit in die Linie eingebundenen hohen Tönen. Ein moderner, junger Sarastro, dem man zutraut, mit seiner zu hörenden Kraft auch anders als nur weise zu sein. Ich kann mir einen hoheitsvolleren Sarastro klanglich nicht vorstellen.

Wie kommt es nun, dass der Sänger Franz Crass bei seinem Tod vor drei Jahren nicht mehr allzu vielen bekannt gewesen ist? Eine unschöne Geschichte gehört hier dazu: Das Ende seiner Karriere. Mitte bis Ende der Siebziger Jahre wurde ein Hörleiden immer schlimmer, so dass er seine Fähigkeit zu reiner Intonation nach und nach verlor. Die Folge war ein häufiger werdendes Zu-tief-Singen. Normalerweise kann jeder gute Sänger dies sofort korrigieren (manche Zuhörer/Kritiker merken das ja nicht einmal, denn man liest das nie in Besprechungen, selbst wenn Spitzentöne um mehr als einen Halbton verpasst werden von angeblich erstklassigen Sänger/Innen). Franz Crass allerdings hat diese Fähigkeit verloren, weil er es einfach nicht mehr gehört hat. So kam es, dass ein Sänger in den besten Jahren mit intakter Stimme seine Karriere ohne entsprechenden Abschied aufgeben mußte. Mir tut es heute noch weh, wenn ich an ein Interview denke, in welchem er das erzählt. Schließlich unterrichtete er und hat so auf andere Art zum Erhalt der Gesangskunst beigetragen.

Anlässlich seines heutigen Todestages möchte ich ihn wieder in Erinnerung bringen. Mit seiner mühelosen, stets sich verströmenden Stimme hat er Großes geleistet. Als Sarastro, König Heinrich und Holländer sowie im Weihnachtsoratorium und im Messias können Sie sich davon überzeugen. Und die „Spiegel-Arie“ aus „Hoffmann’s Erzählungen“ ist ein ganz besonderes Schmankerl. Ein großer Herr war er. Danke, Franz Crass.

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