Julia Varady – Lieder

Julia Varady_Lieder

Auch als Liedsängerin beeindruckend – Julia Varady

Wenn man diese 60 Minuten Programm, dargeboten von zwei urmusikalischen Künstlerinnen, am Stück durchgehört hat, ist man nicht nur innerhalb der stilistischen Bandbreite von der Lied-Ariette über das Lied der Klassik, dem Lied als kleinen Drama eines Mozart, dem spätromantischen Lied über die melodieselige, emotionale Vertonung hin zum ekstatisch-hymnischen Liedgesang eines Strauss gelandet, nein, man hat durch die Kunstform „Lied“ ariose, schöne, komische, verzweifelte, hingebungsvolle, herzzerreißende und jubelnde Momente seelischen Lebens erfahren dürfen!
Julia Varady und ihrer kongenialen Partnerin Elena Bashkirowa am Klavier gelingt es, die in jedem der hier versammelten 18 Lieder von Mozart und Richard Strauss innewohnende Dramatik, ja die emotionelle Essenz hörbar und erfahrbar werden zu lassen.
Das ist höchst individuell und absolut überzeugend, ja beeindruckend.
Aufgrund ihrer Stimmtechnik kann Julia Varady die ariettenhaften Lieder wunderbar „klassisch“ und in reinem Legato vortragen, „Ridente la calma“, „Oiseau, si tous les ans“ und „Un moto di gioia“ erfahren einen eher gesanglichen Ansatz: Linie über Ausdruck.
Dass Mozart aber auch in seinen Liedern dramatische Wahrhaftigkeit braucht, die nach der Attitüde und Stimme einer Diva verlangen, zeigt sich zB in „Der Zauberer“ und „Als Luise die Briefe ihres…“: Varady lässt keinen Zweifel an der Emotion, der Lage der Frau, die hier erzählt.
Ganz anders und betont leicht, mit einer empfindsamen Melancholie begegnet sie der „Abendempfindung“, das ist schlichtweg bewegend. Wieder besonders hervorragend die Fähigkeit der Sängerin, durch den Klang und die Farbe der Stimme den Text sowie die Botschaft dahinter erfahrbar für uns Hörer zu machen, die Stellen „und der Vorhang rollt herab“ sowie „Weih mir eine Träne…“ seien als Beispiele genannt.
Die Lieder von Richard Strauss sind für mich allesamt überwältigend gelungen!
Ob das Leichte, Träumerische, Innige in den Brentano-Liedern „Ich wollt ein Sträußlein binden“ und „Säusle, liebe Myrte“ bzw. in „Meinem Kinde“ oder das Stimmungsvolle und Keck-Ironische in „Waldseligkeit“ und „Schlechtes Wetter“, sie trifft immer den „richtigen“ Ton. Dass die Lieder auch anders interpretiert werden können, ist beim Hören nicht vorstellbar.
Geradezu ergreifend und existenziell erschütternd „Befreit“, noch nie haben mich 5 Minuten derartig gefangen genommen: Beim Höhepunkt des Liedes, „ich will es ihnen wiedergeben“ (die Liebe und das Leben), wenn der Klang als Aufschrei der liebenden Seele in einem Aufstieg bis zum hohen A explodiert, geht die Sängerin über das Ziel hinaus und verströmt sich so sehr, dass die Stimme etwas eng und angestrengt klingt – jedoch welche Hingabe, welches Temperament – wer möchte nicht auf diese Weise geliebt werden?
Die finale hymnische „Frühlingsfeier“ zeigt, mit welcher Stimm- sowie Klangpracht die Sopranistin zu diesem Zeitpunkt hat singen können, phantastisch!
Dies ist der Grund, warum Julia Varady eine wahre Primadonna genannt werden muss: Es gibt keine Kompromisse bei den Emotionen, bei der Gestaltung der Phrasen, beim Einsatz der Stimme, einzig die musikalische Aussage und die Wahrhaftigkeit sind das Ziel. Dass die Sängerin dabei zuweilen in Kauf nimmt, den „guten und korrekten“ Gesangston zu verlassen, ist Ausdruck ihres Musikertums. Zudem ist der Zustand der Stimme bei den Aufnahmen 1991 frisch und jung, das piano und die Leichtigkeit der Höhe sind vorhanden, die Technik hat sie nach fast 30 Karrierejahren vor Schäden bewahrt. Chapeau!
Der Klang der Aufnahme ist grundsätzlich gut, die sehr individuelle Klangfarbe der Varady ist gut eingefangen. Allerdings ein kleines Meckern an die Tontechniker und den Schnitt: In „Säusle….“ ist bei ungefähr 1:03″ eine doppelte Stimme hörbar, das ist bei dem Preis peinlich!

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